Staunen lernen: Warum wir als Kinder staunten – und wie die Fähigkeit zurückkommt

Ich habe ein ganzes Buch über das Staunen geschrieben – und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie selten ich es im Alltag noch tue. Dabei war es als Kind mein Normalzustand: unter dem Sternenhimmel stehen, über einen Käfer stolpern, alles war ein Ereignis. Irgendwann hat das aufgehört. Nicht, weil die Welt weniger wunderbar wurde. Sondern weil ich mich verändert hatte. Wenn es dir ähnlich geht, ist dieser Artikel für dich.

Was ist Staunen eigentlich?

In der psychologischen Forschung wird das Staunen – englisch Awe – als die Emotion beschrieben, die entsteht, wenn wir auf etwas treffen, das unseren bisherigen Rahmen sprengt: die Weite eines Nachthimmels, ein Sturm über dem Gebirge, eine Musik, ein Gedanke, eine Großtat. Zwei Komponenten gehören immer dazu: die Wahrnehmung von Weite und das Bedürfnis, die eigenen Denkmodelle anzupassen. Staunen ist also keine Dekoration des Lebens – es ist ein Update-Mechanismus des Geistes.

Warum wir aufgehört haben zu staunen

Kinder staunen, weil die Welt noch nicht erklärt ist. Erwachsene staunen selten, weil wir gelernt haben, alles sofort zu benennen, zu kategorisieren und weiterzuscrollen. Drei Mechanismen spielen zusammen:

  • Die Erklärungsmaschine: Was benannt ist, scheint erledigt. „Sonnenuntergang" ist ein Wort, kein Ereignis mehr.
  • Die Beschleunigung: Staunen braucht Verweildauer – und unser Alltag ist auf Durchlauf getaktet.
  • Die Verfügbarkeit der Ablenkung: Jeder Leerlauf hat heute einen sofortigen Füller. Die Leere, in der Staunen entsteht, wird zuverlässig vermieden.

Die Welt ist also nicht weniger wunderbar geworden. Wir haben aufgehört hinzusehen.

Was das Staunen mit uns macht

Die Awe-Forschung der letzten Jahre liefert bemerkenswerte Befunde: Menschen, die regelmäßig Staunen erleben, berichten von mehr Lebenszufriedenheit und weniger Stress. Staunen verkleinert – im besten Sinn – das eigene Ego: Sorgen verlieren an Proportion, wenn der Rahmen größer wird. Es macht großzügiger und geduldiger. Und es verändert die Zeitwahrnehmung: Wer staunt, empfindet Zeit als reicher statt als knapp. Kurz gesagt: Das Staunen ist kein Luxus für Feierabende, sondern eine der unterschätztesten Ressourcen für ein lebenswertes Leben.

4 Wege, das Staunen zurückzuholen

1. Plane Staunen ein – so unromantisch das klingt

Staunen entsteht selten im Vollsprint. Reserviere bewusst unbeschleunigte Zeit: den Weg ohne Kopfhörer, den Aussichtspunkt ohne Fotoabsicht. Was sich zuerst künstlich anfühlt, wird schnell wieder natürlich – die Fähigkeit ist nicht verloren, nur eingerostet.

2. Lerne das zweite Hinsehen

Nimm dir ein beliebiges Alltagsobjekt – ein Blatt, eine Hand, ein Fenster im Regen – und schaue zwei volle Minuten hin, als müsstest du es jemandem beschreiben, der es nie gesehen hat. Die Übung klingt simpel und ist erstaunlich wirksam: Das Wunder steckt nicht in den Dingen, sondern in der Qualität der Aufmerksamkeit.

3. Nutze die großen Staunen-Räume

Nachtsterne, Gebirge, Meer, alte Wälder, Kathedralen, Konzerte, große Bücher, wirklich gute Fragen. Es gibt Orte und Werke, die seit Jahrhunderten Staunen auslösen – sie sind die Infrastruktur dieser Emotion. Suche sie gezielt auf, statt darauf zu hoffen, dass das Staunen zwischen zwei Terminen zufällig vorbeikommt.

4. Lass das Nicht-Wissen stehen

Der Feind des Staunens ist die sofortige Erklärung. Wenn dich etwas berührt, widerstehe dem Impuls, es sofort zu googeln, einzuordnen, zu teilen. Lass es zehn Sekunden lang einfach groß und unverstanden. Genau in diesem Spalt entsteht das Staunen – und genau dieser Spalt ist es, den unsere Reflexe zuzuschütten versuchen.

Staunen als Lebenshaltung

Am Ende ist Staunen lernen kein Wellnessprojekt, sondern eine Entscheidung darüber, in welcher Welt man leben will: in einer Welt aus abgehakten Kategorien – oder in einer, die größer bleibt als das eigene Verstehen. Kinder haben diese Welt noch. Wir können sie uns zurückerobern. Nicht, indem wir naiv werden, sondern indem wir die Aufmerksamkeit wieder ernst nehmen, die wir einmal hatten.

Vertiefung: Wo unser Sinn fürs Wunder verloren ging, was die Wissenschaft darüber weiß und mit welchen konkreten Schritten es zurückkehrt – die ganze Spurensuche in meiner Kurzlektüre »Das Buch des Staunens« (4,4/5 bei Amazon).

Woran ich selbst noch arbeite

Das Staunen ist keine Flucht vor dem Alltag, sondern seine Korrektur: die Erinnerung daran, dass die Welt jederzeit größer ist als unsere Pläne für sie. Es kostet nichts, verlangt kein Equipment und beginnt mit zwei Minuten zweitem Hinsehen. Ich übe das bis heute – manche Tage gelingen besser als andere. Die Frage ist nie gewesen, ob es Wunder gibt. Die Frage ist, ob wir noch hinschauen.

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